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Hintergrund

Quantitative Steigerung und qualitative Veränderung im Versorgungsbedarf

Mit den älter werdenden Babyboomern kommt eine Patientenkohorte auf die Primärversorger zu, die stärker als vorherige Kohorten Gesundheitsversorgungsdienstleistungen in Anspruch nehmen wird. Die Gründe liegen in der größeren Prävalenz behandlungsintensiver chronischer Erkrankungen (wie Diabetes mellitus I und II, Asthma, COPD, Hypertonie und deren Folgenerkrankungen) sowie in der spezifischen Risikostruktur dieser Kohorte.

Zu diesem quantitativen Anstieg im Versorgungsbedarf kommen zusätzliche qualitative Änderungen im Versorgungsbedürfnis der Patienten: In der Vergangenheit lag der Fokus in der hausärztlichen Sprechstunde, welche in Deutschland durchschnittlich 7,8 Minuten dauert, auf der Behandlung von akut Erkrankten mit deren meist singulären Beschwerden. Seit einigen Jahren jedoch verschiebt sich der Fokus hin zu multimorbiden chronisch Erkrankten. Diese haben ein weitaus differenzierteres Versorgungsbedürfnis. Hierzu gehören: 

  • die Behandlung der eigentlichen chronischen Erkrankung mit ihren differenzierten akuten Komplikationen,
  • die sekundäre Prävention,
  • die Schulung zu gesundheitserhaltendem Verhalten, 
  • das Patienten-Empowerment – als Befähigung zur Entwicklung und Umsetzung von Bewältigungsstrategien – sowie 
  • die emotionale und psychische Unterstützung.

Eine Berücksichtigung dieser Versorgungsbedürfnisse verlangt vor allem einen langen und intensiven Austausch zwischen Arzt und Patient. Laut Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen reichen jedoch „selbst Konsultationen von durchschnittlich 15 Minuten Dauer (…) nicht aus, um die präventiven und beratenden Aufgaben zu erfüllen, die bei vielen chronisch Kranken erforderlich sind“ (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2009), S. 102.). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass möglicherweise nicht allen der oben genannten Aspekte in der auf akut Erkrankte ausgelegten hausärztlichen Sprechstunde immer vollumfänglich entsprochen werden kann. Es muss also über neue Arten der hausärztlichen Versorgung nachgedacht werden.

Als Konsequenz aus den durch den demographischen Wandel begründeten qualitativen Veränderungen im Versorgungsbedarf und aus den quantitativen Veränderungen in den Versorgungsbedürfnissen geht die Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden von einer Steigerung der Arbeitslast in der Primärversorgung von rund 20 % bis zum Jahr 2020 aus. Dieser Anstieg wird sich vor allem auf die Hausärzte konzentrieren und auch im Zeitraum nach 2020 weiter fortschreiten. 

Quantitativer Rückgang der Versorgungsstrukturen   

Parallel hierzu zeichnet sich im Bereich der hausärztlichen Versorgung in vielen Regionen – besonders im ländlichen Raum Ostdeutschlands – eine Unterversorgung ab. Während niedergelassene Haus- und Fachärzte ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben, können die freiwerdenden Arztsitze vielfach nicht durch junge Kollegen wiederbesetzt werden. So gehen die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundesärztekammer davon aus, „dass in den nächsten zehn Jahren – je nach (ostdeutschem) Bundesland – zwischen 38 % und 48 % aller Hausärzte in den Ruhestand gehen werden, ohne dass ausreichend Nachwuchs in Sicht ist, um diese Lücke schließen zu können“ (Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung (2010), S. 52.).